Mittwoch, 16. März 2011

Amelie


Amelie lag nackt und heulend auf dem Boden. Sie drängte sich in die Ecke der Küche ihrer Einzimmerwohnung, die sie gemeinsam mit einem anderen Mädchen bezog. Es war der wärmste Samstagabend seit langem und sie saß, die Arme um ihre angewinkelten Beine geschlungen, mit verschmiertem Make-Up, mit dem nackten Hintern auf den kalten Fliesen. Dieses Kaff hatte sie völlig runtergezogen. Das Einzige, was sie zu können glaubte war hier nicht gefragt. Nicht vom Markt und nicht von den Einwohnern. 

Mit Zitternden Händen griff sie nach der großen Küchenschere auf der Arbeitsfläche, klappte sie auf und drückte sie in ihren Oberschenkel. Nein, sie ritzt sich nicht. Sie war keine Borderlinerin, sie hatte nicht den Mut sich die Klinge mit Schwung über das Bein zu ziehen und tiefe Schnitte zu hinterlassen, außerdem wäre die Schere auch nicht scharf genug dafür gewesen. Stattdessen führte Amelie die Hände in Richtung Kopf und schnitt sich Strähne für Strähne die langen, schönen, braunen Haare ab. Immer und immer kürzer. Als ihre Haare etwa so lang waren wie die von Justin Bieber zu seinen Anfangszeiten, nahm sie den Haufen an Abgeschnittenem und legte ihn auf die Waage. „Zwei Kilo weniger.“, flüsterte sie sich selbst zu und lächelte. Dann warf sie die Haare weg, ging zu Bett und schlief sofort ein.

Lola


„Liebes Tagebuch, diese Stadt und ihre Bürger langweilen mich zu Tode.“ Lola strich sich das hüftlange, aschblonde Haar zurück, während sie in einer unnatürlichen Haltung auf ihrem Bett saß und in ihr kleines Buch schrieb, welches mit Bildern von Models und Musikern beklebt war die hier niemand kannte. „Es gibt nichts und niemanden. Diese „Stadt“ ist so langweilig, dass man nicht einmal dazu motiviert ist Scheiße zu bauen. Es gibt kaum Graffiti s und das Neueste ist bestimmt schon zehn Jahre alt. Aus Langeweile könnte doch Kunst entstehen, aber die einzigen, die sich trauen ihre Werke an die Öffentlichkeit zu lassen, sind so untalentiert und uninspiriert, dass sogar ihre Freunde ihnen sagen wie scheiße ihre Bilder, Gedichte oder Songs sind. Wir sind hier so abgeschottet, dass nicht einmal der Mainstream ankommt. Nicht einmal P. Diddy kennt hier irgendjemand. Im Zweifel einfach tanzen, nur wo?“
Genug ist genug. Lola hatte keine Lust mehr über Lustlosigkeit nach zu denken.. Sie ging ins Bad und betrachtete sich im Spiegel. Zwar fanden sich nur wenige Mädchen in der Pubertät ansehnlich, Lola aber fand sich ganz besonders hässlich. Deshalb ging sie dann doch lieber wieder raus, in ihr Zimmer, dort hing kein Spiegel. Aber es gab eine Anlage. Adam & the Ants. „Wenn du in einer Stadt wie dieser aufwächst, dann kannst du nichts anderes tun als rumzusitzen und Punk zu hören.“ , hatte sie einmal ihrem Vater gesagt als der sich über den Krach beschwert hatte, der aus ihrem Zimmer drang. Während Adam Ant so vor sich hin grummelte nahm Lola sich einen Edding und bemalte sich die Beine. Sie fing am Fuß an mit schwarzen Schnörkeln und Schleifen und arbeitete sich langsam von dort aus über die Wanden und Schienenbeinen bis zum Oberschenkel. Sie fand Gefallen daran in dem nichts darstellenden Meer aus Strichen, Kurven, Kreisen und Kringeln Wörter zu verstecken. ‚Hate‘ stand in ihrer Kniekehle. ‚Adrenalin‘ auf ihrem linken Schienen Bein. ‚Adam & the Ants‘ umschlang ihr rechtes Knie. Und ‚Furz‘ versteckte sie in einer Spirale, die sie auf die Innenseite ihres rechten Oberschenkels gemalt hatte.
Sie war fertig und traurig, weil es nun nichts mehr zu tun gab. Den Rest ihres kleinen Körpers an zu malen schien ihr eine unangemessene Tätigkeit für einen Samstag, noch dazu für einen so schönen im April. Ihre Eltern waren das Wochenende über bei Verwandten, ihrer Schwester bei ihren und ihr Bruder bei seinen Freunden. Übernachtungspartys hatte sie in der Grundschule gehasst.
Sie ein rumliegendes Handtuch um ihr Sparschwein und warf es auf den Boden. Nachdem sie Scheine und Münzen nach Wert sortiert hatte kam sie zu dem Ergebnis 78,45. Die heutige Beschäftigung bestand also darin dieses Geld für Dinge auf den Kopf zu hauen, die nicht von Dauer sind. Die ersten zehn Euro verplante sie für ein Mittagessen.
Lustlos schliff sie zum PC, um zu sehen, ob heute irgendwo, nur nicht zu weit weg, statt fand, was ihr Interesse wecken könnte. In verschiedensten Provinzdiskos feierte man verschiedenste Partys mit verschiedensten, jedoch immer gleich bescheuerten Themen. ‚Atzennacht‘, ‚Boehse Enkelz‘, ‚Komm raus aus deinem House‘, ‚Bad Taste‘. Nein. Nein, da könnte Lola ja genauso gut zu Hause bleiben und zum Beispiel „Alles, alles über Deutschland“ zu Ende lesen oder sich die Fußnägel lackieren. Sie suchte weiter, doch in der näheren Umgebung fand sie nichts, was auch nur annähernd ihren Erwartungen entsprach, aber da sie über eine schöne Summe verfügte, die es auszugeben galt, vergrößerte sie einfach den Umkreis in dem sie suchte und landete auch einen Treffer. Eine Kneipe, mit dem Zug etwa zwanzig Minuten entfernt hatte an diesem Abend offene Bühne. Jeder der spielen oder singen konnte hatte freie Bahn. Auch Bands. Zur Verfügung gestellt wurden ein Mikrofon, eine Akustik-, zwei E-Gitarren, ein E-Bass und ein Schlagzeug.
Lola ging sofort duschen, damit die Haare an der Luft trocknen konnten, zum Schminken brauchte sie eh nie lange, da ihre Haut rein und ihre Wimpern dunkel waren. Jeggings, Nike Dunks, ein Micky Maus-Männer-T-Shirt, weil sie cool war und eine gigantische Cypress Hill Jacke. Und weg.

Sonntag, 6. Februar 2011

Aaron


„Diese Stadt ist nicht sehenswert. Sie hat weder malerische Landschaften, noch den aufregenden Flair szeniger Urbanität. Hier laufen keine in die Jahre gekommene Bauern in Trachten rum und auch keine schnurrbärtige Nerdbrillenträger in Kurt-Cobain-Strickjacken und Hochwasserhosen.
Dreizehntausend Einwohner hat sie, eine Hand voll Kneipen und ein Museum der Strohverarbeitung. Es gibt weder nostalgisch verträumte Altbauten, noch atemberaubend hohe Wolkenkratzer. Nur eine Psychiatrie, aus welcher dann und wann Geisteskranke ausbrechen, was zu allgemeiner Erheiterung führt.
Wir, die Jugend, also die Zukunft der Stadt, wir haben hier nicht was uns daran hindern könnte uns sinnlos zu betrinken. Eine Zeit lang konnte man hier skaten, doch kleine Jungs mit Migrationshintergrund nehmen die einzige Halfpipe der Stadt in Beschlag um dort rum zu sitzen und ich nehme es ihnen nicht einmal übel. Man könnte sagen, dies ist eine traurige Stadt, eine Stadt ohne Zukunft.
Hier gibt es regelmäßig Konzerte nicht nennenswerter Bands, jedoch ist nicht einmal eine nicht nennenswerte Band dieser Stadt entsprungen. Nur Reinhold Beckmann. Für den sind wir verantwortlich, aber dass ist auch nichts, womit man sich schmücken kann. Dafür haben wir den größten Strohhut der Welt. Ein unterdurchschnittlichen Metal-Festival haben ein paar unserer Bürger auf die Beine gestellt, aber selbst das ist von hier weggezogen. Alles, was uns bleibt sind wir selbst. Doch wenn man sich uns einmal anguckt stellt man fest, dass das nicht viel ist. Um genau zu sein ist das sogar gar nichts.
Es bleibt nur noch die Hoffnung, hier wegzukommen und wo anders neu zu starten. Ich für meinen Teil werde dass versuchen.
Und weil es nichts zu berichten gibt wird diese Einleitung der längste Teil meines Aufsatzes sein. Ich bitte dies zu entschuldigen.“
Aaron leerte seine Lungen mit einem Atemstoß und schob seine Brauen so hoch, dass seine Stirn viele kleine Falten schlug, als er merkte, dass er das, was er geschrieben hatte unmöglich abgeben konnte. Er nahm sein Cap ab und strich sich über das kurze, dunkle Haar. Wie sollte er einen fünf Seiten langen Aufsatz über ein großes nichts schreiben. Vor allem einen sachlichen. Ein paar Mausklicke später war er auf einer Seite, die er eigentlich Wort für Wort hätte abschreiben können.
„Das Jugendhaus bietet tolle Angebote für Kids in jedem Alter. Man kann hier Basketball, Billard und Tischkicker spielen. Außerdem werden kostenlos Tanzkurse und Hausaufgabenhilfe angeboten. Man kann aber auch einfach mit seinen Freunden in der Chill-Out-Area abhängen.“
Darf man das? In einem Schulaufsatz lügen? Oder ist es keine Lüge, wenn man einfach nur nicht erwähnt, dass sich dort die Zeit mit Prügeleien totgeschlagen wird und jeder zweite Fantaflaschen mit Wodka mitnimmt. Dass dort dicke Mädchen mit Specktitten, welche unvorteilhaft aus tiefen Ausschnitten quillen, Mädchen aus anderen Gangs mit gleicher Statur anpöbeln.
Ach ja. Hier gibt es noch dieses Mädchen. Sie singt immer. Hat auch ein eigenes Album, mit eigenen Liedern. Seit sie neun ist wartet sie auf den großen Durchbruch. Jetzt ist sie sechzehn und hat es immer hin bis in die nächst gelegene Kleinstadt und ins Vorprogramm von Annemarie Eilfeld geschafft. Mal sehen was über sie zu finden ist:
„Jung, frech, talentiert!“ „ Das Ausnahmetalent hat bei ihren neuen Songs sogar mitgeschrieben!“ „…sammelte 100€ mit CD-Verkauf fürs Kinderhospitz…“ „‘Ja es geht um Teenagerprobleme‘, gibt die bodenständige sechzehn-Jährige zu, während sie verlegen zu Boden guckt.“
Sollte er es wirklich wagen und sie im Aufsatz erwähnen, obwohl er nur Abscheu empfand? Er konnte schließlich nicht schreiben, dass er ihre Musik für uninspirierten Schlagerrock á la Juli oder Silbermond mit unironischen, dafür unfreiwillig komischen Texte in Grundschulenglisch hielt. Und dass man von einer Platte, die „Singing Is My Life“ nichts anderes erwarten konnte.
Aaron wurde es nach einem fehlerhaften Artikel über den Bürgermeister dann endgültig zu viel  und er klappte den Laptop zu.
Als er in die Küche schlich um zu frühstücken fiel ihm auf, dass er nicht mehr trug als eine ausgeleierte Feinrippunterhose aus der das, was ihn als Jungen kennzeichnete herausguckte. Doch da er allein wohnte war das ziemlich egal. Zwar konnten seine Eltern, die direkt unter ihm wohnten jederzeit vorbei kommen um nach dem Rechten zu sehen, aber die hatte ihn schließlich auch gewickelt.
Er warf sich aufs Sofa, stellte die Müslischale auf den trainierten Bauch und schaltete den Fernseher an, während er darüber nachdachte, was er heute noch machen könnte. Es war schließlich ein wunderschöner Frühlingssamstag. Er könnte sich mit ein paar Jungs treffen und sich betrinken. Da er sich jedoch grade der Trostlosigkeit seiner Heimatstadt bewusst gemacht hatte erschien es ihm sehr unpassend. Als vor zwei Minuten den Kühlschrank geöffnet hatte, war ihm aufgefallen, dass dieser bis auf drei Alkopops, einem Träger Bier zwei Tüten Milch vollkommen leer war. Er könnte also mal wieder einkaufen gehen. Nachdem er seine Finanzen gecheckt hatte strich er das von seiner To-Do-Liste. Stattdessen zog er sich an, nahm sein Niedersachsenticket und sein Portemonnaie mit einem Inhalt von 14,37€ und beschloss irgendwo hinzufahren, wo es nicht so langweilig war.

Samstag, 5. Februar 2011

Nur mal so...

Ich erwarte keine Massen an Lesern, dafür ist der ganze Mist hier zu lang. Aber wenn nur ein einziger Mensch mir ein vernünftiges Feedback gibt, da ist das schon mehr als ich erwartet habe.
In der letzten Zeit hatte ich nicht ganz so viel zu lachen, hab's dann aber doch getan und mir Meschen ersponnen denen es noch schlechter geht als mir. Leider bin ich ein zu netter Mensch. Nicht einmal meine fiktionalen Figuren konnte ich einfachso ins verderben stürzen, hab auch ihnen Glücksmomente zugelassen. Manchmal. Wenn ich es nicht einmal bei ihnen hinbekomme, wie soll ich dann meinen Racheplan an die Welt ausführen?
Vielleicht steckt auch einfach nur zu viel von mir in den kleinen Rabauken. Denn irgendwie tut es das. In jedem von ihnen ein bisschen.
Bevor zuviel vorwegnehme, viel Spaß beim Lesen, ich hoffe es gefällt, und selbst wenn nicht, lass ein Kommentar hier...