„Diese Stadt ist nicht sehenswert. Sie hat weder malerische Landschaften, noch den aufregenden Flair szeniger Urbanität. Hier laufen keine in die Jahre gekommene Bauern in Trachten rum und auch keine schnurrbärtige Nerdbrillenträger in Kurt-Cobain-Strickjacken und Hochwasserhosen.
Dreizehntausend Einwohner hat sie, eine Hand voll Kneipen und ein Museum der Strohverarbeitung. Es gibt weder nostalgisch verträumte Altbauten, noch atemberaubend hohe Wolkenkratzer. Nur eine Psychiatrie, aus welcher dann und wann Geisteskranke ausbrechen, was zu allgemeiner Erheiterung führt.
Wir, die Jugend, also die Zukunft der Stadt, wir haben hier nicht was uns daran hindern könnte uns sinnlos zu betrinken. Eine Zeit lang konnte man hier skaten, doch kleine Jungs mit Migrationshintergrund nehmen die einzige Halfpipe der Stadt in Beschlag um dort rum zu sitzen und ich nehme es ihnen nicht einmal übel. Man könnte sagen, dies ist eine traurige Stadt, eine Stadt ohne Zukunft.
Hier gibt es regelmäßig Konzerte nicht nennenswerter Bands, jedoch ist nicht einmal eine nicht nennenswerte Band dieser Stadt entsprungen. Nur Reinhold Beckmann. Für den sind wir verantwortlich, aber dass ist auch nichts, womit man sich schmücken kann. Dafür haben wir den größten Strohhut der Welt. Ein unterdurchschnittlichen Metal-Festival haben ein paar unserer Bürger auf die Beine gestellt, aber selbst das ist von hier weggezogen. Alles, was uns bleibt sind wir selbst. Doch wenn man sich uns einmal anguckt stellt man fest, dass das nicht viel ist. Um genau zu sein ist das sogar gar nichts.
Es bleibt nur noch die Hoffnung, hier wegzukommen und wo anders neu zu starten. Ich für meinen Teil werde dass versuchen.
Und weil es nichts zu berichten gibt wird diese Einleitung der längste Teil meines Aufsatzes sein. Ich bitte dies zu entschuldigen.“
Aaron leerte seine Lungen mit einem Atemstoß und schob seine Brauen so hoch, dass seine Stirn viele kleine Falten schlug, als er merkte, dass er das, was er geschrieben hatte unmöglich abgeben konnte. Er nahm sein Cap ab und strich sich über das kurze, dunkle Haar. Wie sollte er einen fünf Seiten langen Aufsatz über ein großes nichts schreiben. Vor allem einen sachlichen. Ein paar Mausklicke später war er auf einer Seite, die er eigentlich Wort für Wort hätte abschreiben können.
„Das Jugendhaus bietet tolle Angebote für Kids in jedem Alter. Man kann hier Basketball, Billard und Tischkicker spielen. Außerdem werden kostenlos Tanzkurse und Hausaufgabenhilfe angeboten. Man kann aber auch einfach mit seinen Freunden in der Chill-Out-Area abhängen.“
Darf man das? In einem Schulaufsatz lügen? Oder ist es keine Lüge, wenn man einfach nur nicht erwähnt, dass sich dort die Zeit mit Prügeleien totgeschlagen wird und jeder zweite Fantaflaschen mit Wodka mitnimmt. Dass dort dicke Mädchen mit Specktitten, welche unvorteilhaft aus tiefen Ausschnitten quillen, Mädchen aus anderen Gangs mit gleicher Statur anpöbeln.
Ach ja. Hier gibt es noch dieses Mädchen. Sie singt immer. Hat auch ein eigenes Album, mit eigenen Liedern. Seit sie neun ist wartet sie auf den großen Durchbruch. Jetzt ist sie sechzehn und hat es immer hin bis in die nächst gelegene Kleinstadt und ins Vorprogramm von Annemarie Eilfeld geschafft. Mal sehen was über sie zu finden ist:
„Jung, frech, talentiert!“ „ Das Ausnahmetalent hat bei ihren neuen Songs sogar mitgeschrieben!“ „…sammelte 100€ mit CD-Verkauf fürs Kinderhospitz…“ „‘Ja es geht um Teenagerprobleme‘, gibt die bodenständige sechzehn-Jährige zu, während sie verlegen zu Boden guckt.“
Sollte er es wirklich wagen und sie im Aufsatz erwähnen, obwohl er nur Abscheu empfand? Er konnte schließlich nicht schreiben, dass er ihre Musik für uninspirierten Schlagerrock á la Juli oder Silbermond mit unironischen, dafür unfreiwillig komischen Texte in Grundschulenglisch hielt. Und dass man von einer Platte, die „Singing Is My Life“ nichts anderes erwarten konnte.
Aaron wurde es nach einem fehlerhaften Artikel über den Bürgermeister dann endgültig zu viel und er klappte den Laptop zu.
Als er in die Küche schlich um zu frühstücken fiel ihm auf, dass er nicht mehr trug als eine ausgeleierte Feinrippunterhose aus der das, was ihn als Jungen kennzeichnete herausguckte. Doch da er allein wohnte war das ziemlich egal. Zwar konnten seine Eltern, die direkt unter ihm wohnten jederzeit vorbei kommen um nach dem Rechten zu sehen, aber die hatte ihn schließlich auch gewickelt.
Er warf sich aufs Sofa, stellte die Müslischale auf den trainierten Bauch und schaltete den Fernseher an, während er darüber nachdachte, was er heute noch machen könnte. Es war schließlich ein wunderschöner Frühlingssamstag. Er könnte sich mit ein paar Jungs treffen und sich betrinken. Da er sich jedoch grade der Trostlosigkeit seiner Heimatstadt bewusst gemacht hatte erschien es ihm sehr unpassend. Als vor zwei Minuten den Kühlschrank geöffnet hatte, war ihm aufgefallen, dass dieser bis auf drei Alkopops, einem Träger Bier zwei Tüten Milch vollkommen leer war. Er könnte also mal wieder einkaufen gehen. Nachdem er seine Finanzen gecheckt hatte strich er das von seiner To-Do-Liste. Stattdessen zog er sich an, nahm sein Niedersachsenticket und sein Portemonnaie mit einem Inhalt von 14,37€ und beschloss irgendwo hinzufahren, wo es nicht so langweilig war.
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